Eine Reihe deutscher und internationaler Gießereien nutzt alle zwei Jahre die Castforge in Stuttgart, um ihre Werkstoffkompetenz zu präsentieren. Als Plattform für neue Kontakte und Erfahrungsaustausch hat sich die Messe mittlerweile fest etabliert – ebenso wie die schwierigen Rahmenbedingungen, die die Betriebe derzeit erleben.
Von Niklas Reiprich
Messe in Krisenzeiten? Passt das zusammen? Beim Durchqueren der Stuttgarter Messehallen – und bei genauerer Betrachtung der Standaktivitäten – kommt man recht schnell zu dem Ergebnis: Ja, das passt durchaus. Der Bedarf an direktem Kontakt mit Kunden und Interessenten scheint in diesen drei Tagen Castforge nämlich unangefochten groß zu sein, wohl auch gerade wegen der zurzeit angespannten Lage in der Branche.
Der Veranstalter bekräftigt den Eindruck mit seinen abschließenden Zahlen: Eigenen Angaben zufolge hat man ein Rekordergebnis erzielt. 576 Unternehmen waren demnach insgesamt vor Ort, um sich als verlässliche Zulieferer für die metallverarbeitende Industrie zu positionieren – ein Zuwachs von 18 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Darüber hinaus reisten rund 6000 Fachbesucher aus 45 Ländern in die Schwabenmetropole, um ihre Beschaffungsstrategien neu auszurichten, zusätzliche Lieferanten zu qualifizieren oder bestehende Partnerschaften zu vertiefen. „Entgegen der angespannten Marktlage setzt die Castforge damit ein deutliches Ausrufezeichen“, resümiert Roland Bleinroth, Geschäftsführer der Messe. Zu den wichtigsten Branchen, heißt es weiter, zählten vor allem der Maschinen- und Anlagenbau, die Antriebstechnik, der Pkw- und Nutzfahrzeugbau, der Pumpen- und Verdichtungsbau sowie der Motorenbau.
Politik zeigt Dialogbereitschaft
In Stuttgart gewann man schnell den Eindruck, dass die Branche zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammenwächst, die untereinander Orientierung sucht. Geht es um die großen Herausforderungen, sind sich die meisten Aussteller zumindest einig: Die hohen Energie- und Arbeitskosten, strenge Umweltauflagen, überbordende Bürokratie und nicht zuletzt die volatilen Rohstoffpreise machen es geradezu unmöglich, planungssicher optimistisch in die Zukunft zu blicken. „Zurzeit läuft es zu gut, um zu sterben, und zu schlecht, um langfristig zu überleben“, bringt es Markus Löffler von den Bartz-Werken auf den Punkt. Umso wichtiger sei es daher, neue Kontakte zu knüpfen und mit Bestandskunden im Dialog zu bleiben. Einkäufer, Entwickler und technische Entscheider konnten sich also trotz der schwierigen Rahmenbedingungen einen kompakten Überblick über aktuelle Lösungen und Leistungsangebote der Gießer machen.
Daneben nutzte der Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) die Castforge, um mit der Landespolitik ins Gespräch zu kommen. Mit einer Delegation baden-württembergischer Gießereien empfing der Verband die Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, um ein aktuelles Lagebild zu zeichnen und den ausstellenden Unternehmen eine Stimme zu verleihen. Der Termin in Stuttgart war Teil einer ganzen Reihe von Gesprächen, die Verband und Politik miteinander führen, um die Rahmenbedingungen am Standort Deutschland in die richtige Richtung zu verändern. „Wenn Deutschland und speziell Baden-Württemberg starke Industriestandorte bleiben sollen, müssen Kostenbelastungen gesenkt, Investitionen erleichtert und industrielle Wertschöpfung wieder stärker in den Mittelpunkt politischen Handelns rücken“, betonte BDG-Hauptgeschäftsführer Dr. Martin Theuringer angesichts der genannten Herausforderungen. Hoffmeister-Kraut sei sich indes der Systemkompetenz der Gießereien im Land bewusst. „Wir müssen alles dafür tun, um am Standort wieder wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu schaffen“, erklärte die Ministerin im Rahmen eines Spitzengesprächs auf der Messe. Sechs lokale Betriebe – darunter Grohmann Aluworks, Handtmann, Fondium, Schüle, Dossmann und Rupf – teilten dabei ihre Perspektiven aus dem operativen Alltag.
KI und Energiemanagement im Blick
Das Stichwort „Perspektiven“ lenkt den Fokus zurück in die Messehallen, wo sich vereinzelt – und trotz der konjunkturellen Herausforderungen – auch die Möglichkeit ergab, über kürzlich erfolgte oder geplante Investitionen zu sprechen. Löffler von den Bartz-Werken erläuterte etwa, dass man aktuell daran arbeite, mit einer KI-Software die Produktionsplanung zu digitalisieren. Ziel sei es, sich künftig vom Monopolwissen einzelner Mitarbeiter unabhängig zu machen und die Fehleranalyse zu optimieren.
In anderer Dimension ist auch die Krefelder Siempelkamp Gießerei dabei, aktuelle Trends in konstruktive Lösungen zu übersetzen. „Wir werden die wahrscheinlich größte industrielle Batterie Nordrhein-Westfalens mit 75 Megawatt Leistung errichten“, antwortet Mathias Weil, Vertriebsbeauftragter, auf die Frage, welche Ansätze das Unternehmen hinsichtlich der steigenden Energiekosten verfolgt. Konkret handele es sich dabei um ein Joint-Venture mit den Krefelder Stadtwerken, das sich derzeit bereits in der Projektierungsphase befinde. „Mit diesem Projekt wollen wir die Kostenpeaks, die uns aktuell am Strommarkt erwarten, ausgleichen und eine gesunde, kalkulierbare Stromkostenlandschaft generieren“, so Weil.
Darüber hinaus lieferten auf einer Fachbühne zahlreiche Referenten mit Branchenexpertise sowohl wissenschaftliche als auch operative Impulse. Kompakte Vorträge, Diskussionsrunden und Praxisbeispiele gaben informative Einblicke in zentrale Zukunftsthemen wie Energie- und Ressourceneffizienz, Digitalisierung oder Nachhaltigkeit.
Auftragsfertigung mit eigener Messe
Ein der Messe zufolge „guter Auftakt“ gelang zudem mit den Make-to-Order Days (MTO Days), einer neuen Einkäufermesse für Präzisionsteile, Auftragsfertigung und Zerspanung. Hiermit feierten die Stuttgarter in diesem Jahr Premiere: 184 Aussteller präsentierten in Halle 9 ihre Spezialisierungen unter anderem in der Dreh-, Fräs- und Schleiftechnik. „Wir wollten eine fokussierte Plattform für die auftragsbezogene Präzisionsfertigung schaffen – mit klaren Strukturen, kurzen Wegen und viel Raum für konkrete Geschäftsabschlüsse“, sagt Roland Bleinroth zum Konzept der Veranstaltung.
Für die Gießer ist dieses Messe-Angebot mit potenziell wertvollen Synergien verbunden. Beispielhaft dafür steht der MTO-Days-Aussteller Facturee, der eine digitale Beschaffungsplattform für verschiedene Materialien und nachgelagerte Verfahren vorstellt. „Wird für ein Gussteil etwa eine spezielle Legierung oder Oberflächenbeschichtung benötigt, können wir durch ein sehr breites Netzwerk an Auftragsfertigern dabei unterstützen“, erläutert Andre Löwe, der Facturee als Key Account Manager in Stuttgart vertrat. Dabei übernehme man als alleiniger Vertrags- und Ansprechpartner die gesamte Projektabwicklung, inklusive NDAs, Logistik und Verzollung.
Die nächste Castforge findet vom 20. bis 22. Juni 2028 in Stuttgart statt – erneut parallel zu den MTO Days. Wie sich die Stimmung bis dahin entwickelt? Das bleibt abzuwarten. Vor dem Hintergrund des Iran-Kriegs und der aus Sicht der Branche immer komplizierteren Verordnungen auch auf EU-Ebene lassen sich die Aussteller nur ungern zum Blick in die Glaskugel hinreißen. Fakt ist aber: Die Investitionsbereitschaft ist grundsätzlich da – und teilweise sind es auch konkrete Konzepte, die auf ihren großen Einsatz im Betrieb warten. Die Branche kann Zukunft.
Beitragsbild: Benjamin Stollenberg/Messe Stuttgart