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Am 19. Juni stellte der BDG auf seinem Zukunftstag Stakeholdern und Branche die natürlich rhetorische Frage nach der Zukunft: Brauchen wir noch Guss aus Deutschland? Und warum sind die Dinge gerade so schwierig für die Branche? - © Christian Thieme
20.06.2024

Energieintensiv und mittelständisch – ein Auslaufmodell?

Die deutsche Gießerei-Industrie gehört zum energieintensiven Mittelstand – eine Kombination, die es in Zeiten von Transformation und Fachkräftemangel nicht leicht hat. „Wir sind sichtbar geworden – weil wir besonders viel Energie brauchen. Und das ist auf einmal etwas sehr schlechtes“, so der gerade für eine weitere Periode gewählte BDG-Präsident Clemens Küpper in seiner Eröffnungsrede.

Den Gießerei-Geschäftsführungen, die den 3. BDG-Zukunftstag der deutschen Gießerei-Industrie persönlich live in der Düsseldorfer Verbandszentrale oder via Stream verfolgten, sind die Folgen nur allzu präsent. Überbordende Berichtspflichten, unsichere Rahmenbedingungen, hohe Energiepreise und Nachwuchssorgen bringen viele Unternehmen an ihre Belastungsgrenze. „Energiekosten, Netzentgelte und langfristige Verträge – das sind Bedingungen, die andere Länder nicht haben, weil sie Regierungen haben, die sich darum kümmern,“ fasst der alte und neue BDG-Präsident zusammen. Seine Forderung: „Die Netzentgelte müssen eine gesamtstaatliche Aufgabe sein, sie dürfen nicht auf die einzelnen Unternehmen abgewälzt werden.“

Im Grunde brachte die Begrüßung auf den Punkt, was die einzelnen Impulsvorträge und Paneldiskussionen dann aus verschiedenen Perspektiven vertieften. Carolin Schenuit, Green Budget Germany – Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS) etwa nimmt ebenfalls die Widersprüchlichkeit der Politik in Berlin war, die mangelnde Wahrnehmung des Mittelstands und die isolierte Position Deutschlands in der europäischen Klimaschutzpolitik. „Wir brauchen aus strategischen und Resilienzgründen auf jeden Fall auch weiterhin Gussprodukte aus Deutschland“, sagt sie, spricht aber auch von der internationalen Strahlkraft dessen, was in Deutschland umgesetzt wird. Ihr Rat: Gezieltes Lobbying in Berlin einerseits und personeller Einsatz in der Lokalpolitik andererseits.

Dr. Klaus Bauknecht ist Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG. Er setzt auf einen Investitionsschub. „Der gehobene Mittelstand investiert zurzeit generell nicht, auch nicht im Ausland.“ Ein Konjunkturaufschwung würde viele Probleme lösen. „Wenn das Auto gar nicht fährt, kann ich auch nichts lenken.“ Es gibt Ansätze zur konjunkturellen Erholung – ein Investitionsschub ist aber nur mit absolut sicheren Rahmenbedingungen denkbar. „Wir sehen diesen Aufschwung nicht, er wird nicht markant sein“, so Dr. Christiane Heunisch-Grotz, Gießerei Heunisch. Zusammen mit Rolf Kramer, Geschäftsführer Druckguss Westfalen, fordert sie in der Paneldiskussion mit den Vortragenden, Verlässlichkeit und wettbewerbsfähige Energiepreise. „Wir beschäftigen uns mit Berichtspflichten statt uns um unsere Produktion zu kümmern, und wir produzieren ganz viel, was für die Transformation wichtig ist“, beklagt Rolf Kramer den Status Quo.

Bertram Kawlath, Vizepräsident VDMA und Geschäftsführer von Schubert&Salzer, bewertet die Lage als Konjunkturdelle und sieht Licht am Horizont. Und bei aller Bejahung des Gussstandorts Deutschlands – der VDMA ist europäisch ausgerichtet. In der Diskussion mit Philipp West, Luitpoldhütte, und Ronald Krug, AGCO, kristallisiert sich dann aber einmal mehr ein Bekenntnis zu Guss in Deutschland und die Forderung nach stabilen Rahmenbedingungen (Philipp West: “Unternehmen bräuchten zehn bis zwölf Jahre Planungssicherheit”) und einem gemeinsamen Level Playing Field in Europa heraus.

In einem Arbeitnehmermarkt Fachkräfte werben, halten und entwickeln – der Nachmittag war innovativen Ansätzen zum Recruiting gewidmet. Ein besonders prominentes Beispiel lieferte der BDG selbst. Er prämierte den Gewinner seines Azubiwettbewerbs. Die Auszubildenden verschiedener Gießereien hatten auf Tik Tok in kurzen Vlogs über ihren Alltag berichtet. Der Gewinn von 1.500 Euro ging an Lea Pugliese von STIHL.

Wirtschaftspolitik vormittags und die menschliche Komponente nachmittags – BDG-Hauptgeschäftsführer Max Schumacher war zufrieden. Am Schluss blieb aber doch vor allem der dringende Appell an die Politik: „Schaffen Sie die richtigen Rahmenbedingungen und dann lassen Sie die Unternehmen machen. So werden wir wieder wettbewerbsfähiger.“

Ein ausführlicher Bericht über den 3. Zukunftstag der Gießerei-Industrie erscheint in der GIESSEREI 07-2024 sowie in kommenden Verbandsmagazin, dem BDG report.

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