Dr. Martin Theuringer folgt im Bundeverband der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG) dem langjährigen Hauptgeschäftsführer Max Schumacher, der zum Jahresende ausgeschieden ist. Dr. Theuringer kommt von der Wirtschaftsvereiningung Stahl wechselte im Sommer 2025 zum BDG. Im Interview schildert er seine ersten Eindrücke von der Branche, analysiert die wirtschaftliche Situation und blickt in die Zukunft.
Herr Dr. Theuringer, Sie waren in den ersten Wochen sehr viel unterwegs. Welche Eindrücke haben Sie bei den Antrittsbesuchen von der Branche bekommen?
Dr. Martin Theuringer: Die Branche ist unglaublich vielfältig und das Netzwerk größer als in der Stahlindustrie. Ich habe inzwischen fast schon mehr Gießereien gesehen, als es Stahlstandorte gibt in Deutschland. Jede Gießerei ist anders, jede ist unterschiedlich. Was mich schon beeindruckt hat, ist, wie mit großer Kreativität mit den aktuellen Herausforderungen umgegangen wird und in sehr unterschiedlicher Weise auch immer wieder innovativ gearbeitet wird, um weiter am Markt bestehen zu können.
Sie erleben die Branche als kreativ?
Theuringer: Absolut, da ist eine Kreativität, die notwendig ist, um schnell auf Veränderungen im Markt zu reagieren, gepaart mit Bereitschaft, zu investieren, um sich trotz schwierigen Rahmenbedingungen zukunftsfähig aufzustellen, etwa in den Bereichen Automatisierung, Digitalisierung, Klimaschutz oder Entwicklung von neuen Geschäftsfeldern.
Brennen die Gießer für die Branche?
Theuringer: Die stark ausgeprägte Identität als Gießer habe ich so vorher nicht gekannt. Ich erlebe einen kraftvollen mittelständischen Spirit, und habe viele Menschen kennengelernt, die nicht nur mit Ihrem Unternehmen, der Branche und dem Verband eng verbunden sind, sondern auch der Region und der Nachbarschaft, in der sie leben und den Menschen, mit denen sie arbeiten. Man spürt sofort, dass vieles historisch gewachsen ist. Mehr als die Hälfte unserer Mitglieder ist ja mehr als 100 Jahre alt! Gießer sind zurecht Stolz auf ihre lange Geschichte, den Betrieb und ihre Bedeutung für den Standort.
Wie erleben Sie den Branchenwechsel?
Theuringer: In der Stahlindustrie gibt es eine überschaubare Anzahl von teilweise sehr großen Unternehmen. Die Interessen sind – im Regelfall – sehr ähnlich gelagert. Dies ist in der Gießerei-Welt völlig anders. Die Branche ist vielfältiger und heterogener. Das kann das Finden von gemeinsamen Positionen erschweren. Andererseits erlebe ich eine sehr lebendige Verbandsarbeit, da sich viele unserer Mitglieder sehr aktiv in die Gremienarbeit einbringen und gemeinsam die Themen nach vorne bringen wollen. Das wiederum ist eine große Stärke, die wir unbedingt nutzen sollten.
Wo steht die Branche, wo steht der Standort?
Theuringer: Wir leben wir im Moment in einer Zeit, in der der Industriestandort Deutschland auf so vielen Feldern herausgefordert ist wie seit der Nachkriegszeit nicht mehr. Es geht jetzt darum, die Lage zu stabilisieren und den freien Fall sowie die fortschreitende De-Industrialisierung zu stoppen. Welches Produktionsniveau dann das New Normal sein wird, ist schwer zu sagen. Wir kommen aus der Krise jedoch nur mit einer starken Industrie, nicht ohne sie.
Haben wir eine Krise des Standortes?
Theuringer: Unzweideutig ja! Wir hatten früher Situationen, da war mal eine Branche in der Krise, ob Stahl, Chemie oder Auto. Jetzt sind nahezu alle Kernbranchen in eine tiefe Krise abgerutscht, die energieintensiven Metallbranchen vorneweg und der Mittelstand ist besonders betroffen. Die Themen sind klar: Zu hohe Energie-, Bürokratie und Arbeitskosten wirken sich jetzt viel stärker aus, weil sich das internationale Umfeld für alle verändert hat.
Wie sind die Gießereien darin aufgestellt? In Bezug auf Ihre Unternehmensbesuche klangen sie optimistisch.
Theuringer: Das bin ich grundsätzlich. Mit Blick auf die Gießerei-Industrie sehe ich Wandlungsfähigkeit und Flexibilität, die die Unternehmen so oft in ihrer Geschichte unter Beweis gestellt haben. Ich bin überzeugt, dass die Gießereien auch in Zukunft eine starke Stellung in der Wertschöpfungskette haben werden, aber diese muss natürlich auch insgesamt erhalten bleiben.
Welche Anforderung gibt es an die Branche und an den Verband, der die Branche repräsentiert?
Theuringer: Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, in einer Öffentlichkeit, die immer wieder neue und andere Themen hat, die Aufmerksamkeit beharrlich und kontinuierlich, darauf zurückzulenken, wie wichtig die Industrie insgesamt ist und welchen Beitrag die Gießerei-Industrie dazu leistet, dass industrielle Wertschöpfung am Standort Deutschland erhalten bleibt. Und wir müssen zugleich sehr konkret und konstruktiv die Diskussion darüberführen, welche Veränderungen in den politischen Rahmenbedingungen die Branche braucht, damit sie die an sie gestellten Erwartungen auch erfüllen kann.
Wie erleben Sie die Verbändeentwicklung?
Theuringer: Zum einen waren Verbände in der Vergangenheit in viel stärkerem Maße dafür da, Orientierung im Markt zu geben. Heute ist es mehr und mehr ihre Aufgabe, Orientierung im Bereich der politischen Regulatorik zu schaffen. Denn Märkte werden in immer größerem Maße durch die politischen Vorgaben bestimmt. Die Politisierung der Verbandsarbeit ist das eine. Hinzu kommt zum anderen, dass unsere Gesellschaft heute in viel stärkerem Maße einfordert, dass man erklärt, was man tut und Verbände müssen daher in viel stärkerem Maße kommunizieren, als es früher der Fall ist.
Braucht es mehr Legitimation gegenüber der Öffentlichkeit?
Theuringer: Der Legitimationsdruck ist definitiv gestiegen und Kommunikation nach außen wird immer wichtiger. Gerade die Traditionsbranchen müssen zeigen, dass sie gebraucht werden und nicht nur für Vergangenheit, sondern auch für Zukunft stehen. Und auch mittelständisch geprägte Branchen müssen klar artikulieren, wie ihre Betroffenheit ist und in den Dialog mit der Politik gehen.
Welchen Weg geht der BDG? Wird der Verband eher restriktiv fordern oder geschmeidig innerhalb pragmatischer Leitplanken agieren?
Theuringer: Das ist eine gute Frage. Wirtschaftsverbände sind auch Transmissionsriemen zwischen Politik und Wirtschaft. Es ist unsere Aufgabe, Politik und Öffentlichkeit klar zu kommunizieren, was nicht funktioniert. Auf der anderen Seite müssen wir auch anerkennen, dass Politik sich in einem engen Handlungsrahmen bewegt und wir in unseren Forderungen und Positionen realistisch und anschlussfähig sein müssen. Was der richtige Weg ist, zwischen mal laut zu sein und dann aber auch im Stillen einfach nur gute und konstruktive Sacharbeit zu leisten, hängt von der jeweiligen Situation ab. Im Moment "brennt die Hütte", wie es Clemens Fuest vom ifo-Institut gesagt hat. BDI-Präsident Leibinger sagt, wir sind im "freien Fall". Auch wir haben unsere Kommunikation vor dem Hintergrund der aktuellen Krisenlage deutlich angeschärft.
Machen wir das am viel diskutierten Industriestrompreis fest. Legen wir der Politik nahe, sich doch bitte freizumachen von europarechtlichen Zwängen oder haben wir offiziell Verständnis? Das ist ja auch eine Frage der strategischen Positionierung, die der BDG vornimmt.
Theuringer: Genau, das ist ein sehr gutes Beispiel. Wir unterrichten gegenwärtig alle unsere Stakeholder, ob in Ministerien, Bundestag oder Landesparlamenten, regionale und lokale Medien, dass der aktuelle Entwurf des Industriestrompreises bei Weitem nicht ausreicht und speziell an unserer Branche in großen Teilen vorgebeigeht. Das ist auf der einen Seite notwendig. Auf der anderen Seite müssen wir, wenn es um die konkrete Ausgestaltung von Förderrichtlinien geht, konstruktiv und in großer Detailarbeit die Anliegen unserer Unternehmen einbringen, das Beste für die Branche rausholen und gemeinsam mit Allianzpartnern agieren.
Täuscht der Eindruck oder reagiert die Bundespolitik auf die fundmentalen Herausforderungen rat- und weitgehend konzeptlos?
Theuringer: Die gefundenen Antworten auf die grundlegenden Herausforderungen für den Standort und unsere Gesellschaft reichen halt bei weitem nicht aus. Ein Beispiel sind die Veränderungen im internationalen Wettbewerb: China und die USA, aber auch viele andere Länder, halten sich nicht mehr an die Regeln. Der Wettbewerb ist daher grundlegend verzerrt. Wir in der Europäischen Union reagieren aber mit sehr punktuellen Instrumenten, die für völlig andere Problemlagen konzipiert wurden, und agieren sehr kleinteilig, etwa mit Blick auf Förderpolitik oder Beihilferegeln. Dies wird der Größe der Aufgabe nicht gerecht.
Die Antwort darauf ist eine dezidierte Industriepolitik?
Theuringer: Gerade in Verbindung mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine und der Notwendigkeit, Verteidigungsfähigkeit herzustellen, kriegt Industriepolitik nochmal einen ganz neuen Fokus. Es geht um Resilienz, Autonomie und am Ende um die Verteidigung unserer Werte und Freiheit. Deutschland und die Europäische Union müssen aktiv gegensteuern, um ihre Industrie im aktuellen globalen Marktumfeld zu schützen und ihr zugleich auch ermöglichen, aus eigener Kraft zukunftsfähig zu werden.
Nochmal speziell zu Deutschland. Gibt es spezifische Versäumnisse bei uns?
Theuringer: Die gibt es tatsächlich auf vielen Politikfeldern. Die Energiepolitik steht gegenwärtig mit im Mittelpunkt: Die Stromkosten sind im internationalen Vergleich davongelaufen, weil es erhebliche Versäumnisse im Management der Energiewende gegeben hat. Dafür können die Unternehmen nichts. Energieintensive Unternehmen müssen jetzt die Chance erhalten, sich anzupassen und am Markt bestehen zu können, bis ausreichend erneuerbare Energien und Netze ausgebaut sind und bezahlbare Back-up Kapazitäten zur Verfügung stehen. Genau dafür braucht es einen Brückenstrom- oder Industriestrompreis, der es auch ermöglicht, in die Elektrifizierung zu investieren. Das ist keine ordnungspolitische Giftküche, sondern Teil einer Industriepolitik, die Wertschöpfungsketten in Deutschland hält, künftige Abhängigkeiten vermeidet und Transformation ermöglicht.
Hauptgeschäftsführer wird man ja immer auf fünf Jahre. Was muss passieren, damit Sie retrospektiv sagen, da haben wir gute Arbeit geleistet?
Theuringer: Ich würde es auf drei mittelfristige Ziele runterbrechen. Zum ersten: Der BDG wird als moderner Verband wahrgenommen, der erster Ansprechpartner der Branche ist. Zweitens: Die Gießereibranche und ihre Bedeutung für den Industriestandort werden deutlich besser verstanden, als es heute der Fall ist. Drittens: Die Zufriedenheit der Mitglieder hat noch weiter zugenommen, weil wir unsere Dienstleistungen fokussiert und modernisiert haben. Um all das zu tun, müssen auch wir als Verband veränderungsbereit und agil sein. Denn es ist ja klar, dass in einer Welt, die sich so grundlegend verändert wie unsere, nicht nur Unternehmen, sondern auch Verbände sich immer wieder hinterfragen und ggf. neu aufstellen müssen.
Abschließend gefragt: Wie muss sich denn der Wirtschaftsstandort Deutschland entwickeln und wird die Gießereiindustrie in fünf Jahren stehen?
Theuringer: Zu den Schlussfolgerungen, gerade in Deutschland, sollte gehören, dass in den nächsten fünf Jahren der Fokus auf das Thema "Wettbewerbsfähigkeit" und "Stärkung des industriellen Kerns" liegen sollte. Daraus leitet sich dann vieles ab, was wirtschaftspolitisch zu tun oder für eine Zeit zurückgestellt werden sollte. Wenn es gelingt, die Kräfte zu bündeln, in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, werden wir gemeinsam aus dem Krisenmodus rauskommen und eine starke Industrienation bleiben, in der auch die Gießereien ihren festen Platz haben werden.
Das Gespräch führten Dr. Kristina Krüger und Martin Vogt.
Fotos: Christian Thieme