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© Christian Thieme
08.02.2024

EUROGUSS 2024 – Großer Zuspruch, große Sorgen

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GIESSEREI

Steigende Besucherzahlen und volle Stände mit intensiven Business-Gesprächen prägten die EUROGUSS 2024. Insbesondere aus deutscher Perspektive aber auch Sorgen: um die sich eintrübende E-Auto-Konjunktur und die immer schlechteren Standort- und Rahmenbedingungen der Produktion hierzulande.

VON KATHARINA KOCH, KRISTINA KRÜGER, CHRISTIAN THIEME, MARTIN VOGT UND MONIKA WIRTH

 

Die formalen Eckdaten der EUROGUSS gab die Nürnberger Messegesellschaft pünktlich zum Ende der Druckgussmesse heraus: 60 Prozent der Aussteller kamen aus dem Ausland, allen voran weiterhin aus Europa. Die Schwerpunkte waren Italien, Türkei, Spanien, Österreich sowie die Schweiz. 14.341 Besucher zählten die Drehkreuze an den beiden Messeeingängen, deutlich mehr als die 10.700 zur letzten Auflage – die allerdings auch coronabedingt von Januar auf Juni 2022 verschoben worden war. Vergleichbar sind die Zahlen mit der 2020er-EUROGUSS – die mit 14.599 marginal besser besucht war, indes nicht mit dem tendenziell besuchshemmenden und medial breit angekündigten Wintereinbruch zu kämpfen hatte. „Aus meiner Sicht sind die Zahlen umso bedeutsamer für die Relevanz der EUROGUSS“, interpretiert Christopher Boss, Executive Direktor EUROGUSS, den Zuspruch. „Wir konnten der Druckgussbranche Heimat und Orientierung in schwierigen Zeiten geben.“

 

Konjunktur für E-Autos „Made in Germany“ läuft schleppend

Was den Kern der Situation trifft: Neben allen Sach- und Fachthemen schweben über dem europäischen und insbesondere deutschen Markt politische und wirtschaftspolitische Entwicklungen, die den Druckgießern massive Sorgen bereiten. So hat die Bundesregierung nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes noch kurz vor Weihnachten in ihrer Kürzungspanik das abrupte Ende der Kaufförderung von E-Autos angekündigt, was den ohnehin eher schleppenden Verkauf von E-Autos „Made in Germany“ zusätzlich torpediert ‒ mit drastischen Folgen für die zuliefernden Druckgießer. „Wir brauchen planbare Stückzahlen, denn da haben wir massiv investiert“, sagt beispielsweise Klaus Bruchner, Geschäftsführer bei Schüle Druckguss. „Wann läuft die Elektromobilität an?“, fragt sich auch Wolfgang Schmidt aus der Geschäftsleitung bei Handtmann, vor dem Hintergrund großer Investitionen und entsprechender Stückzahl-Erwartungen für E-Teile, „Was wir im Moment feststellen, ist, dass die Verbrennerbauteile überdurchschnittlich hochlaufen.“

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Potenzial für Druckguss ist dennoch vorhanden

Das sind zweifellos skurrile Marktkapriolen, die unternehmerisch nur schwer zu berechnen sind und hochvolatil wirken. Diese Marktdynamik – auch politisch verursacht – geschieht vor dem Hintergrund einer instabilen wirtschaftspolitischen Situation insbesondere in Deutschland. „Passieren muss viel. Von der Politik erwarten wir, dass die Standortbedingungen besser werden, dass es Entbürokratisierung gibt und dass für die Industrie ein angemessener, guter Strompreis kommt“, sagt Gerd Röders, Geschäftsführer bei G.A. Röders. Die Sehnsucht nach stabilen, verlässlichen Rahmenbedingungen ist aus jedem Gespräch herauszuhören. Bürokratie mit immer neuen Gesetzen und Anforderungen, die hohen Strompreise – das sind die wichtigsten Themen.

Zumindest im deutschen Markt – denn grundsätzlich steht das Geschäftsmodell Druckguss ja nicht infrage, sondern boomt ganz im Gegenteil. „Wir sind davon überzeugt, dass es viele Chancen gibt, das Verfahren Druckguss noch weiter nach vorn zu bringen. Etwa im Bereich Housebuiling und Infrastructure“, sagt Alexander F. Marks, Geschäftsführer bei der Oskar Frech GmbH, und nennt das Beispiel Sanitär. „Es wird hier noch sehr viel mit Messingkomponenten gearbeitet, die im Kokillen- oder Niederdruckguss hergestellt werden. Die Überführung in den Zink-Druckguss bietet enorme Chancen in Bezug auf die Stückkosten.“ Wachstumspotenziale, die an mancher Stelle tatsächlich gehoben werden. „Es ist uns gelungen, viele Neuprojekte für die Gießerei in Kitzingen zu gewinnen“, sagt Franken-Guss-Geschäftsführer Josef Ramthun, „Wir werden viel investieren, um unsere Kapazitäten sogar auszubauen.“

 

Gigacasting läuft – vor allem in China

Und natürlich wäre da noch das Dauer-Trendthema Mega- oder Gigacasting, unter dem der Guss besonders großer Karosserieteile auf Maschinen mit besonders hoher Schließkraft zusammengefasst wird. Hier tut sich Deutschlands Automobil-Industrie, über viele Jahre weltweites Aushängeschild und Marktführer bei den Verbrenner-Modellen, noch schwer. Junge Hersteller wie Tesla oder einige chinesische Autobauer und auch Volvo – bekanntlich in chinesischer Hand – sind hier radikaler.

Passend dazu informierte Maschinenbauer Bühler aus der Schweiz am Rande der Messe über den neuesten Deal: Der chinesische Automobilzulieferer Duoli Technology kauft vier neue Maschinen vom Typ Carat 920. Der Auftrag ist einer der größten Einzelaufträge für das Megacastinggeschäft der Bühler Group. Die Zweiplattentechnologie mit Schließkräften von 10.500 bis 92.000 kN ist speziell für die Herstellung großer und komplexer Teile wie Front- und Heckunterwagen in einem Stück konzipiert.

Auf gut angenommenen Guided Tours konnten die Messebesucher sich einen Überblick verschaffen, wohin sich Giga-Casting entwickelt. Vorträge von Praktikern über die Implementierung der neuen Technologie waren ausgebucht. So berichtete Volvo Cars auf dem Druckgusstag von „Lessons Learned“ ‒ aktuell ist das Unternehmen dabei, in Werken in Schweden und der Slowakei Gigacasting zur Serienreife zu bringen. Und die größte Maschine, die bisher auf dem Ausstellungsgelände in Nürnberg zu sehen war, eine riesige Entgratpresse des nordbayerischen Maschinenbauers Aulbach Automation abk Pressenbau, war einer der Publikumsmagneten.

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Beim Student Day kamen Kandidaten in intensiven Kontakt zu Firmen, hier Oskar Frech. © Christian Thieme

Spannende Themen wie Automatisierung oder KI

Die Dynamik in der Druckgussbranche war auf der EUROGUSS unübersehbar. Die Aussteller präsentierten nicht nur beeindruckende Exponate, sondern überzeugten auch inhaltlich. Zunehmend rücken Themen wie Automatisierung, Produktionsverkettung und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in den Vordergrund. Themen, die den Gießereien neue Möglichkeiten bieten. Produktionsabläufe lassen sich immer einfacher durch den Einsatz hochflexibler fahrerloser Transportsysteme sowie Roboter- oder Portallösungen verbinden.

Lösungen wie „Cybernetics“, einer Technologie des österreichischen Maschinenbauers Fill, sind in den hauseigenen Maschinen implementiert und ermöglichen die Überwachung komplexer Einzelvorgänge oder gewährleisten die lückenlose Bauteilrückverfolgung bis hin zur automatisierten Anlagenoptimierung mittels KI. Die Datenvisualisierung durch kundenspezifische und plattformunabhängige Dashboards bieten eine optimale Übersicht und ermöglichen detaillierte Analysen in Echtzeit.

Ebenso kehrte Reis Robotics unter dem Motto „We are back“ auf die Messe zurück. Nach der Übernahme durch KUKA im Jahr 2013 und der späteren Umfirmierung war das Unternehmen kürzlich von einem Konsortium bestehend aus dem italienischen Technologieunternehmen CT Pack der Aretè Cocchi Technology Group und der Schweizer Investmentgesellschaft FAI Holding erworben worden. Mit „ROBOTstar“ stellte Reis Robotics seine Robotersteuerung vor, die über ein externes Tablet bedient wird und eine präzise Simulation von Gießzellen ermöglicht. Dies erleichtert die exakte Anlagenüberwachung, ohne dass der Bediener die Zelle betreten muss. Zudem plant das Unternehmen, in Zukunft auf Siemens-Hardware in den Steuerungskomponenten zu setzen, um erweiterte Analyse- und Verarbeitungsmöglichkeiten von Anlagenparametern zu bieten, was beispielsweise beim Digitalen Produktpass wichtig wird.

 

Sandgießer auf der Druckgussmesse

Auch Pinter Guss aus Niederbayern hat diese Entwicklungen im Blick. Als Sandgießer war das Unternehmen zwar ein Exot auf der Messe, fühlte sich aber durch den guten Kundenzuspruch bestätigt, die Messe zu besuchen, verrät Dipl.-Ing. Felix Jaruszewski, Geschäftsführer des Unternehmens. Im Fokus der Präsentation standen spezielle Komponenten für die Schienen- und Medizintechnik, darunter das Gehäuse eines DNA-Scanners. Besonders aktiv ist das Unternehmen in Forschungsprojekten wie „ReGain“, das die digitale Verknüpfung von Gießereiproduktionssystemen anstrebt, um Effizienz, Flexibilität, Resilienz und Nachhaltigkeit zu steigern. Damit soll ein neues digitales Fertigungskonzept entwickelt werden, welches die ökologische Nachhaltigkeit in der Gießerei-Industrie gemäß des 2021 aktualisierten „European Green Deal“ unterstützt. ReGAIN strebt an, die Basis für die Erstellung eines einheitlichen digitalen Produktpasses für jedes Gießereiprodukt zu legen und diesen im Rahmen von Catena-X, einem offenen Datenökosystem für die Automobilindustrie, verfügbar zu machen.

Als Experte für Prototypen und Vorserien stellte die Metallgießerei Wilhelm Funke aus. Am Gemeinschaftsstand mit Voxeljet demonstrierte die Gießerei ihr Knowhow beim Rapid Prototyping. Dank fortschrittlicher Sanddrucker-Technologie ist es Wilhelm Funke möglich, innerhalb von nur fünf Arbeitstagen vom digitalen Datensatz zum fertigen Produkt zu gelangen. Zum Einsatz kommt die Technologie hauptsächlich bei Getrieben für Autos, Motorrädern und Hubschraubern. Ein besonderes Augenmerk legt die Firma auf die Herstellung hochkomplexer Bauteile, die durch ihre Funktionsintegration bestechen – ein Fokus, der in Nürnberg guten Zuspruch findet. „Wir führen hier überraschend gute Gespräche und viele Interessenten kommen mit konkreten Projekten zu uns“, freut sich Qualitätsmanager Florian Topp.

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Der Talent Award prämierte herausragende Abschlussarbeiten. © Christian Thieme

Student Day mit Talent Award

Der abschließende Messetag stand ganz im Zeichen der Förderung des Branchennachwuchses. Unter dem Motto „Student Day“ wurde angehenden Ingenieurinnen und Ingenieuren ein umfassendes Programm mit Keynotes, Fachvorträgen und geführten Rundgängen geboten. Eine durchgeführte Live-Umfrage unter den Teilnehmenden offenbarte, dass die Mehrheit von ihnen nur wenig Vorwissen zum Thema Druckguss mitbrachte – ein Volltreffer für die Veranstalter.

In seiner Keynote „Gießen ohne Grenzen – welche Wettbewerbstechnologien haben Gießverfahren und wo liegen die Limits der Wirtschaftlichkeit und Umsetzbarkeit?“ erörterte Prof. Dr.-Ing. Sven Roeren die Herausforderungen und Möglichkeiten in der Auslegung von Druckgießmaschinen. Er beleuchtete das Spannungsfeld zwischen technischer Machbarkeit und wirtschaftlicher Sinnhaftigkeit und gab wertvolle Einblicke, welche Fertigungstechnologien unter verschiedenen Bedingungen ihre Stärken ausspielen können. Die Studenten profitierten von Roerens pragmatischem Ansatz, und er appellierte an sie, möglichst viele neugierige Fragen zu stellen.

Die Studenten konnten ihre Kenntnisse bei einem geführten Rundgang vertiefen, bei dem sie Gelegenheit hatten, branchenspezifische Themen direkt mit Experten zu diskutieren. Das Spektrum reichte von Forschung über Robotik bis hin zu Temperierlösungen und eröffnete den Teilnehmern eine breite Palette an Erkenntnissen. Besonderes Highlight: die Vorführung einer laufenden Druckgießmaschine am Stand von Frech, die den Teilnehmenden einen praxisnahen Einblick in die Maschinentechnik gewährte.

Als Höhepunkt des Student Day fand die Verleihung des Talent Awards in der SpeakersCorner statt. Dieser international renommierte Preis hat das Ziel, herausragende Abschlussarbeiten im Bereich Druckguss zu würdigen und junge Talente zu fördern. Fünf Finalisten hatten die Gelegenheit, ihre akademischen Arbeiten in einer Präsentation vorzustellen und mussten sich anschließend den fachlichen Fragen des Publikums sowie des Moderators Franz-Josef Wöstmann stellen. Die eingereichten Abstracts wurden von einer international besetzten, hochkarätigen Jury, bestehend aus Vertretern von Industrie und Forschung bewertet. Darüber hinaus hatten die Zuschauer die Möglichkeit, per Voting über die beste Präsentation abzustimmen. Der mit 1500 Euro dotierte erste Preis wurde an Danny Rohde von der Universität Kassel verliehen. Der zweite Platz ging an Michael Moodispaw von The Ohio State University, während Neelima Gottumukkala von der TU Freiberg sowohl den dritten Platz als auch die Gunst des Publikums für sich gewinnen konnte und das Publikumsvoting für sich entschied.

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